Das Mikrobiom der Haut: Verstehen und Pflegen des Schutzfilms

Wir haben keine Ahnung, was unsere Haut und das Mikrobiom dort alles leistet. Erst wenn etwas aus dem Ruder läuft und wir Akne, Neurodermitis oder Schuppenflechte bekommen, interessiert uns die Haut. Ein fataler Fehler: Denn die richtige Hautpflege und ein Verständnis, die Bedeutung des Hautmikrobioms sind elementar für unsere Gesundheit. Die übersteigerte Hygiene durch die Angst vor Corona gilt es zu überdenken, denn gerade das Mikrobiom der natürlichen, gesunden Haut stärkt das Immunsystem.

➥ Autor: Andreas Müller-Alwart

Aufgeklappt soll unsere Haut zwei Quadratmeter Fläche ausmachen – das ist vielen bekannt. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch: Würde man wirklich jede Hautfalte sorgfältig glattbügeln, so käme man auf eine Fläche von 25 Quadratmeter. Zum Vergleich die Fläche des Darmes: Etwa 400 Quadratmeter. Die Haut ist das größte Sinnesorgan. Sie ist ein riesiger Schutzfilm, der uns fast vollständig umgibt, und der dicht besiedelt ist mit Billionen von Mikroorganismen, mit einer Vielzahl unterschiedlichster Bakterien. Gemeinsam bilden Hautzellen und die Mikroorganismen die Hautflora – heute oft als Mikrobiom bezeichnet. Richtiger wäre eigentlich die Bezeichnung Mikrobiota. Wie beim Mikrobiom des Darms spielen die Mikroorganismen in ihrer Zusammensetzung auf der Haut eine sehr große Rolle.

99 % meinen es gut mit uns

Diese Mikroorganismen aufzuzählen würde hier nur verwirren. Viel wichtiger ist es, zu verstehen, dass 99% der Mikroorganismen gut für unsere Hautgesundheit sind, also bei einem Menschen mit gesunder Haut nur etwa 1% der Mikroorganismen schädlich sein können. In der Regel besteht ein Gleichgewicht zwischen verschiedenen Mikroorganismen, das man sich aber nicht statisch vorstellen darf: Das Mikrobiom der Haut verändert sich fortlaufend in seiner Zusammensetzung. Es reagiert auf Stress, Umwelteinflüsse (z. B. Luftfeuchtigkeit, Temperatur) und wird auch von der Ernährung und Lebensweise (Bewegung) beeinflusst. Hier wird schon klar: Übermäßige Hygiene greift das Gleichgewicht an, kann nicht differenzieren, welche Mikroorganismen gerade förderlich oder schädlich sind: Im schlimmsten Fall werden 99% er guten Bakterien vernichtet und gerät das ganze Gleichgewicht nachhaltig außer Kontrolle. Eine sinnvolle Pflege des Hautmikrobioms muss also viel ganzheitlicher sein und alles, was wir uns auf die Haut schmieren, sollten wir quasi auch bedenkenlos essen können oder lieber weglassen.

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Hautprobleme als frühes Signal erkennen

Ist das Mikrobiom der Haut in der Balance, so schützt der Schutzfilm vor vielen Eindringlingen recht wirksam: Entzündungen gibt es kaum, rissige und rote Haut oder auch schuppige Hautpartien treten dann nicht auf. Umgekehrt ausgedrückt: Die Haut ist wie ein Spiegel dessen, was in uns stimmig oder ungesund ist. Wer Hautprobleme hat, kann dies als Signal sehen, sich mit seiner Lebensweise und Ernährung beschäftigen zu dürfen. Dies mag trivial klingen, aber um dies wissenschaftlich zu untermauern, bedurfte es vieler Jahrzehnte: Heute ist bekannt, dass man nur noch Produkte an seine Haut lassen sollte, die das Mikrobiom schützen und pflegen. Mehr noch: Es gibt sogar Möglichkeiten, mithilfe sogenannter „Effektiver Mikroorganismen“ (EM) ein Mikrobiom individuell und gezielt wieder aufbauen zu helfen. Dies erfordert eine Beratung durch einen Experten.

Die Hautbarriere

Bei Welt der Gesundheit haben wir schon des Öfteren darüber berichtet, dass Gesundheit und Heilung oft durch die Verbindung (Symbiose) mit nicht menschlichen Organismen stattfindet. Die Grenzen zwischen Mensch und Mitwelt, sind oft fließend und das ist auch gut so. (Vgl. „Der holistische Mensch“ oder „Viren – unsere kleinen Freunde“). Für die Haut mit ihrer großen Oberfläche gilt dies ganz besonders: Der Film aus Bakterien, Körperzellen und der Einfluss der Umwelt bilden eine ganz besondere Verbindung. Dieses Hautmikrobiom zu schützen bedeutet gleichzeitig, das Immunsystem hoch wirksam zu halten. Ähnlich wie in der Mund- und Nasenhöhle das Enzym Lysozym als Bodygard am Eingang wacht und so nicht erwünschte Eindringlinge bereits an der Türe abfängt, so ist das Mikrobiom der Haut der Wächter am Eingang der Hautzellen. Man spricht von der Hautbarriere. Sie ist eine wichtige Unterstützung des Immunsystems.

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Ein natürlicher, bakterieller Lichtschutzfaktor und Säureschutzmantel

Mikroorganismen – genau genommen sind es die Mikrokokken-Bakterien – haben sogar den Effekt eines Lichtschutzfaktors und somit in gewissem Umfang einen natürlichen UV-Schutz. Wer hätte das gedacht? Prof. Christiane Lang, die viele Erkenntnisse über die Haut gefunden hat, hat festgestellt, dass die Mikroorganismen auch zum Säureschutzmantel der Haut beitragen. Bis dahin war man davon ausgegangen, es wären vor allem die Talg- und Schweißdrüsen für diesen Schutz verantwortlich. Es sind aber vor allem Bakterien, die sich von Hautschuppen (Hornhaut) ernähren, die sie zu Milchsäure umwandeln. Da sind wir bei dem Thema, dass eine gesunde Haut einen Säureschutzmantel bildet und dafür ein leicht saures Milieu aufbauen muss. Ein pH-Wert von 5,5 bis 6,5 gilt als Idealwert. Es ist gar nicht so einfach, solche Idealwerte und ein passendes Gleichgewicht von Mikroorganismen herzustellen, denn das alles findet ja nicht im stillen Kämmerlein statt.

Ein Kommen und Gehen

Einige Bakterien sind ständige Bewohner der Haut, andere kommen kurz zu Besuch und verschwinden dann wieder. Und das Ganze ist je nach Saison, Ernährung, Stress und Umwelt wieder völlig anders. Mit jeder Reise, jedem Menschengetümmel usw. sind laufende Anpassungen erforderlich, damit uns das Mikrobiom weiterhin gute Dienste leisten kann. Und als ob das den Körper nicht schon genügend beschäftigen würde: Das Mikrobiom ist dabei auch noch deutlich unterschiedlich in verschiedenen Körperregionen. Nur zwei Beispiele dazu: Propionibakterien mögen eher die fettigen Stellen an Brustkorb und Gesicht, besiedeln aber auch trockene Stellen am Unterarm und auf den Handflächen. Gewissermaßen in den „Feuchtgebieten“, z. B. in der Achsel oder in den Leisten, siedeln gerne Corynebakterien und Staphylococcus epidermis bzw. aureus. Wir wollen aber jetzt nicht jedes Bakterium mit seinem bevorzugten Lebensraum ansehen.

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Das Mikrobiom der Haut als Helfer des Immunsystems

Spannender ist – gerade in heutigen Zeiten – die Erkenntnis, dass das Mikrobiom ganz wesentlich für die Antwort des Immunsystems bei Eindringlingen sein könnte, in dem es die T-Lymphozyten herbeiruft. Da diese alles funktioniert und automatisch abläuft, interessiert uns das nur bedingt, es sei denn, es läuft einmal nicht rund. Dann treten Entzündungen, Rötungen, Risse, Hautunreinheiten etc. auf und jucken und ärgern uns. Solange die Haut uns nicht juckt, juckt sie uns nicht. Sollte sie aber, denn wenn wir die Signale der Haut ignorieren, können sie schlimmer werden. Und wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, sind Neurodermitis, Psoriasis (Schuppenflechte), Rosacea bzw. Aknen oft die zwangsläufige Folge. (vgl. auch unseren Bericht zu Neurodermitis).

Gut oder böse – das ist gar nicht so einfach zu unterscheiden

Wie wichtig ein gesundes Mikrobiom ist, zeigt sich an Staphylococcus aureus exemplarisch. Auf einer gesunden Haut kommt es nur zu etwa 1% vor. Es zählt nicht zu den „guten“ Bakterien, stellt aber im Normalfall kein Problem dar, denn es wird im gesunden Hautmikrobiom in Schach gehalten. Es scheint sogar unverzichtbar zu sein: Erst seine permanente Existenz scheint sicherzustellen, dass unser Immunsystem trainiert wird und Abwehrstoffe (AMP = antimikrobielle Proteine) herstellt. Nimmt hingegen dieses Bakterium überhand, so sind Entzündungen und Hautirritationen die Folge. Prof. Christiane Lang, die Mikrobiologie-Expertin der TU Berlin, erklärt deswegen: „Es hilft nicht, die Bakterien abzutöten, denn für eine intakte Hautoberfläche mit genügend Feuchtigkeit und Fettbildung braucht es letztlich die verschiedenen Bakterien und ihr Zusammenspiel.“ (Zeitschrift „Das Mikrobiom der Haut“, Andreas Freund in S. 15, „natur & heilen“ 6/2022).

Foto: @eAlisa via envato.elements

Nur noch Wasser?

Der Spruch: „An meine Haut lasse ich nur Wasser und Seife“ – einst werbewirksam für eine Creme verwendet, hat viel Wahres bei sich. Es gibt Menschen mit sehr empfindlicher Haut, die tatsächlich im Laufe der Jahre für sich festgestellt haben: Wenn sie nur Wasser verwenden, so haben sie überhaupt keine Hautprobleme. Dies sollte uns wirklich zu denken geben angesichts der vielen Sprays, Deos, Cremes, Wellnesspackungen etc., die wir so konsumieren, die unser Geld kosten und dennoch oft nicht gesund sind. In Corona-Zeiten und dem ständigen Ruf nach mehr Hygiene, musste die Haut – vor allem an den Händen – sehr leiden. Das mehrfache Händewaschen mit antimikrobiellen Reinigungsmitteln führte zu Entzündungen und hatte rissige Hände zur Folge. Das Burgtor für andere Eindringlinge steht dann weit offen; das Andocken und Ausbreiten von eben z. B. Staphylococcus aureus wird begünstigt.

Darm-Gehirn-Achse

Das Mikrobiom der Haut existiert nicht isoliert, sondern korrespondiert ständig mit dem Mikrobiom des Darms und selbst mit dem Gehirn. Man spricht von der Darm-Gehirn-Achse. Manch einer mag mit Heilungs- oder Therapieversuchen der Verzweiflung nahe sein, wenn der diese Komplexität begreift. Aber das Gegenteil sollte der Fall sein: Gerade da alles zusammenhängt, ergibt es Sinn, irgendwo anzufangen, denn jedes positive Signal wirkt sich gleich mehrfach in unserem Körper aus. Und da praktisch für alle Gesundheitsprobleme in unserer Zeit immer wieder das Gleiche empfohlen wird, ist es doch gar nicht so kompliziert auch etwas Gutes für das Mikrobiom der Haut zu tun:

  • Mehr Bewegung
  • Weniger Stress (es geht hier immer um den ungesunden, langanhaltenden Stress)
  • Gesunde Ernährung

Soweit die Basis – und wie schon bestens bekannt.

Speziell für die Pflege und den Erhalt des Hautmikrobiom hilft:

  • Möglichst nur das verwenden, was man auch essen würde.
  • Weniger ist mehr (Wasser + Kernseife).
  • Die Verwendung von Pflegemitteln, die mikrobiologisch freundlich sind
  • Effektive Mikroorganismen können Defizite ausgleichen
  • Ein gesundes Darm-Mikrobiom (das von innen schützt)

Bis hierhin hast Du einen Einblick, was das Mikrobiom der Haut ist, wie es in Wechselwirkungen steht und warum wir es unterstützen sollten, im natürlichen Gleichgewicht bleiben u können. In den nächsten Wochen erhältst du bei uns dazu noch konkrete, praktische Tipps für die Pflege von Haut (und Haaren).

Foto: @bernardbodo via envato.elements

Zum guten Schluss noch ein wichtiger Hinweis für Schwangere

Aus Sicht der Darm- und Haut-Mikrobioms bzw. des gesamten Immunsystems ist es sehr wichtig, dass Kinder durch den Geburtskanal gebärt werden, weil sie dann bereits mit der Flora in Kontakt kommen und ihr Immunsystem quasi mit einem „Starterpaket“ geimpft wird. Man weiß heute, dass Kaiser-Schnitt-Kinder oft ein nicht so gutes Immunsystem haben und vermutet, dies hänge mit diesem ersten fehlenden Kontakt zusammen. Manchmal ist ein Kaiser-Schnitt nicht vermeidbar. Dann sollten die werdenden Eltern darauf achten, dass in der Geburtsklinik das Kind mit einem Laktobazillen-Extrakt aus dem Vaginaltrakt der Mutter eingerieben werden, um dem Kind ein vielfältigeres Mikrobiom mit auf den Weg zu geben.

Weiterführende Videos von Welt der Gesundheit TV dazu:

(1) https://weltdergesundheit.tv/der-holistische-mensch/, Welt der Gesundheit.TV, Gastautor: Andreas Müller-Alwart (aufgerufen 07.09.2022)
(2) https://weltdergesundheit.tv/viren-einmal-anders-betrachtet/, Welt der Gesundheit.TV, Gastautor: Andreas Müller-Alwart (aufgerufen 07.09.2022)
(3) https://weltdergesundheit.tv/neurodermitis-es-juckt-brennt-naesst-wenn-deine-eigene-haut-dich-quaelt/, Welt der Gesundheit.TV, Gastautorin Niki Vogt (aufgerufen 07.09.2022)

Empfehlenswerte Videos:

  1. Mikrobiom der Haut: Experten-Podcast mit Prof. Dr. Christine Lang, YT-Kanal „Balance-Beauty-Time“, https://www.youtube.com/watch?v=iE5BEAxGv3w (aufgerufen 04.09.2022)
  2. Bakterienheilkunde: Wirkungen von EM auf der Haut, Dr. Anne Katharina Zschocke, YT-Kanal „QS 24“ https://www.youtube.com/watch?v=-SnQVodKnQE&t=846s (aufgerufen 04.09.2022)

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