6. Februar, Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung

Die schrecklichen Dramen spielen sich – immer noch! – millionenfach ab, die Genitalverstümmelung. Einsam, ausgeliefert, niemand, der ihr zur Hilfe eilt. Weltweit sind laut der WHO mehr als 200 Millionen Mädchen beschnitten. Jedes Jahr sind vier Millionen Mädchen in Gefahr, mitten im Kreis der Familie schutzlos dieser grausamen Prozedur ausgeliefert zu sein. Nicht alle überleben das, und es ist unglaublich schmerzhaft und traumatisierend. Und doch sind es Frauen, die diese bestialische Verstümmelung an Mädchen vornehmen.

Seit 2003 macht der „Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung“ Front gegen diese körperliche und seelische Folter mit lebenslangen Folgen.

➥ Autor: Niki Vogt

➥ Buch zur Sendung: Wüstenblume

Female Genital Mutilation

International wird das Kürzel „FGM“ (Female Genital Mutilation) oder „FGC“ (Female Genital Cutting) verwendet. In sehr vielen Ländern dieser Welt, hauptsächlich in Afrika, dem Mittleren Osten und in Asien ist in über dreißig Ländern die Beschneidung der Mädchen gang und gäbe. Dschibuti, Ägypten, Guinea, Mali, Sierra Leone, Somalia und im Norden des Sudan – ist die Praxis fast flächendeckend verbreitet: Über 90 % der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind dort beschnitten. In fast allen anderen Ländern der Welt wird das scheußliche Ritual ebenfalls geheim unter bestimmten Zuwanderer-Ethnien praktiziert, auch in Deutschland.

Es sind keine Einzelfälle: Die Organisation „Terre des Femmes“ berichtet, dass in Deutschland 2019 etwa 75.000 genitalverstümmelte Mädchen und Frauen leben. Etwa 200.000 noch intakte Mädchen sind der konkreten Gefahr ausgesetzt, dasselbe durchmachen zu müssen. Die Zahl steigt mit der Zahl der hier lebenden Zuwanderer. In Deutschland stammen sie meistens aus Ländern wie Eritrea, Somalia und Ägypten: Tausende Frauen und Mädchen in Deutschland haben eine Genitalverstümmelung erlitten. Die Dramen spielen sich vor allem in den Großstädten ab, meistens vor dem 15. Geburtstag der jungen Frau. Aber auch Genitalverstümmelung an Mädchenbabys sind keine Seltenheit.

Integra, die Dachorganisation von Nichtregierungsorganisationen gegen weibliche Genitalverstümmelung, hat in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Ramboll Management Consulting im Jahr 2017 eine empirische Studie dazu erstellt.

In sehr vielen Ländern dieser Welt wie Afrika, dem Mittleren Osten und in Asien ist die Beschneidung der Mädchen gang und gäbe. Foto: @ester.nemes via Twenty20

Gründe der Genitalverstümmelung

Weibliche Genitalverstümmelung oder weibliche Beschneidung bezeichnet die Teil- oder Vollamputation oder Beschädigung der äußeren, weiblichen Geschlechtsorgane. Die Gründe liegen nach Angaben derer, die das durchführen (lassen) meistens in der Tradition. Je nachdem in welcher Region, wird entweder die Klitoris abgeschnitten oder gleich das ganze, weibliche Genital. Dabei wird die Klitoris und die kleinen Schamlippen komplett weggeschnitten oder ausgebrannt. Danach werden die großen Schamlippen zusammengenäht, wobei auch die Vaginalöffnung teilweise mit zugenäht wird, sodass nur eine kleine Öffnung für das Urinieren und den Abfluss des Menstruationsblutes bleiben (Infibulation).

Nach dieser Verstümmelung werden die Beine des Mädchens von der Hüfte bis zu den Knöcheln für bis zu 40 Tage zusammengebunden, damit die große Wunde heilt. Das bedeutet nicht nur einen Monat unsägliche Schmerzen, sondern auch eine sehr hohe Infektionsgefahr. Immer wieder sterben Mädchen an dieser Prozedur. Damit die Frau später aber überhaupt in der Lage ist, mit einem Mann Geschlechtsverkehr auszuüben, muss meistens eine Defibulation gemacht werden: Die winzige Vaginalöffnung muss aufgeschnitten werden. Wird die Frau schwanger, muss die Vagina noch weiter aufgeschnitten werden, damit die Frau das Kind überhaupt gebären kann. In einigen Regionen wird nach der Geburt die Frau wieder zugenäht.

Foto: @macondoso via envato.elements

Das erschreckende Ritual der Genitalverstümmelung gab es schon im antiken Ägypten

In den alten Schriften von den Gelehrten Galenos, Aetius von Amida und Ambrossius von Mailand wird es bereits erwähnt. Tatsächlich kann man die Spuren solcher Beschneidungen auch an weiblichen Mumien finden. Im Mittelalter gibt es ebenfalls schriftliche Zeugnisse zu dieser „Tradition“. Avicenna, ein persischer Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph und Dichter, des frühen Mittelaltes schrieb in seinem „Canon medicinae“ ebenfalls darüber.

Man sollte allerdings auch nicht verschweigen, dass wir ach-so-aufgeklärten, westlichen Neuzeitler, von solchen Praktiken noch gar nicht so weit entfernt sind. Die Haltung der Wissenschaft gegenüber dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität war bis in die 1970 Jahre noch sehr seltsam und teilweise von grausamer Arroganz. So schreibt Wikipedia:

Während des 16., 17., 18. und 19. Jahrhunderts und bis zu den 1970er Jahren wurden in Europa und Nordamerika Klitoridektomien (Wegschneiden der Klitoris) und andere operative Eingriffe wie Kauterisationen und Infibulationen an weiblichen Genitalien durchgeführt. Dies geschah, um vermeintliche weibliche „Leiden“ wie Hysterie, Nervosität, Nymphomanie, Masturbation und andere Formen so genannter weiblicher Devianz zu „heilen“. Der englische Gynäkologe Isaac Baker Brown propagierte 1866 in seinem Werk über die „Heilbarkeit verschiedener Formen des Wahnsinns, der Epilepsie, Katalepsie und Hysterie bei Frauen“ die Klitoridektomie als Behandlungsmethode. Durchaus bekannt war, dass die weibliche Libido durch derartige Eingriffe irreversibel beschädigt werden konnte.“

Diese Aufzählung lässt schon durchscheinen, wo die „Tradition“ der weiblichen Genitalverstümmelung ihre Triebfeder hat. In der Neuzeit wird es nur medizinisch-wissenschaftlich verbrämt. Es ist die Urangst des Mannes, dass eine Frau aus sexueller Lust untreu wird und ihm ein „Kuckuckskind unterschiebt“. Seit der Mensch sesshaft wurde, Ackerbau und Viehzucht begann und Eigentum schuf, das er seinen Nachkommen weitergeben kann, fürchtet der Mann das „Kuckuckskind“.

In Wolfsrudeln produziert nur der Leitwolf und das Alphaweibchen Nachwuchs. Foto: @jguth via Twenty20

Dieses Muster ist ganz tief in den Erbanlagen verankert

Im Tierreich lässt sich das auch beobachten. Ist ein neuer Löwe als Alpha-Tier an der Spitze des Rudels, tötet er die Jungen, die sein Vorgänger gezeugt hat. In Wolfsrudeln produziert nur der Leitwolf und das Alphaweibchen Nachwuchs. In Hirsch- und Rehrudeln und anderen Tierherden verjagt das männliche Leittier jeden Rivalen. Siegt der Rivale, sorgt er als Erstes für den Nachwuchs mit seinen Genen. Auf diese Weise bewirkt die Natur, dass immer nur das beste Erbgut des gesündesten und stärksten Tieres sich verbreitet. Darum sind fast immer die männlichen Tiere größer und stärker, aggressiver und wehrhafter. Der Preis dafür ist, dass sie ein wesentlich höheres Risiko tragen, verletzt und getötet zu werden und kürzer zu leben.

Das Entstehen von Besitz und gesellschaftlicher Stellung des Mannes ist dann noch der Treibsatz dahinter. Die Frau soll „tugendhaft“ und absolut treu sein, damit es wirklich sein Sohn ist, der die Linie weiterführt. Der alte Spruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ dürfte sehr wahrscheinlich der Urgrund dafür sein, dass sexuelle Begehrlichkeiten der Frau unterbunden werden, im schlimmsten Fall eine sexuelle Beziehung zu einem anderen Mann physisch unmöglich gemacht wird. Die Keuschheitsgürtel in den Burgmuseen hat jeder schon einmal gesehen.

Die lichte, göttliche Seite des Yin und Yang, Mann und Frau, ist die des ritterlichen, großherzigen Mannes, der Frau und Kinder mit seinem Leben beschützt. Und die Frau, bei der sein Herz geliebt und geborgen ist, die Leben schenkt und die Kinder und ihn in einer liebenden Familie behütet, glücklich und gesund hält. Aber es gibt auch die andere Seite. Die weibliche Sexualität ist dem Mann nicht geheuer und er fürchtet ihre soziale Intelligenz und Unberechenbarkeit. Umgekehrt hat jede Frau unterbewusst Angst vor dem wesentlich stärkeren Mann, seiner Aggressivität, Dominanz und seinem unzähmbaren Sexualtrieb.

Das dürfte das unauflösbare Spannungsfeld sein, in dem dann solche erschreckenden Auswüchse entstehen, wie die Genitalverstümmelungen an Mädchen und Frauen. Dem wird man leider auch nicht beikommen, indem man – vollkommen zu Recht! – diese grausamen Praktiken als Menschenrechtsverletzungen anprangert. Dieser „theroretische Wert“ kommt in den betreffenden Kulturen nicht an. Es wird ja immer weiter gemacht, fast immer von Frauen. Obwohl diese Frauen, die es selbst erleiden mussten, ja wissen, was es bedeutet: sehr oft einen lebenslangen Leidensweg.

Das Verstümmelungstrauma ist eine jahrelange Belastung, die sich in angststörungen äußert. Foto: @RossHelen via envato.elements

Der Schock der Genitalverstümmelung sitzt tief

Die starken Blutungen bei der Metzelei sind lebensgefährlich, die Infektionsgefahr ebenfalls. Langzeitfolgen, wie Unfruchtbarkeit, Sepsis, chronische Entzündungen des Unterleibs, ständige Harnwegsinfektionen, Abszesse, Menstruationsprobleme und scheußliche Schmerzen beim Intimverkehr sind ebenfalls nicht selten.

Aber auch die Seele leidet lebenslang. Das Verstümmelungstrauma ist eine jahrelange Belastung, die sich in Angststörungen äußert, sowie Alpträumen, chronischen Schmerzen, Vertrauensverlust in die Familie, die sie dieser schweren Körperverletzung unterzogen hat, Depressionen, dem Verlust der Weiblichkeit, posttraumatischen Störungen – und natürlich Partnerschaftskonflikten. Viele der Frauen haben mehr oder weniger verdrängte Aggressionen und eine Vorwurfshaltung gegen den Mann, um dessentwillen sie diese Folter über sich ergehen lassen mussten.

Laut WHO sterben sogar 10 Prozent der Mädchen an den direkten Folgen des Eingriffs, sehr oft an Blutvergiftung und dem enormen Blutverlust. 25 Prozent sterben an den Langzeitfolgen, wie Komplikationen bei der Geburt eines Kindes oder den chronischen Infektionen.

Es ist aber auch Zeit, einmal die Probleme zu beleuchten, die die Beschneidung beim Mann mit sich bringen. Diese ebenso alte Tradition ist nämlich keineswegs eine praktisch folgenlose Bagatelle, wie Studien zeigen. Beschneidung bei Männern wird aber allgemein kommentarlos hingenommen. Dass diese alte Praxis nicht weniger auf verklemmten, sexualfeindlichen, archaisch-religiösen Ritualen aufbaut, als bei Frauen interessiert nicht. Auch, wenn diese Beschneidung bei weitem und nicht in Ansätzen so grausam und gefährlich ist, wie bei Frauen, ist diese Praxis keine Lappalie.

Wird nämlich die Vorhaut, das Präputium entfernt, bedeutet das einen enormen Verlust der Empfindsamkeit. Genau das war auch nachweislich der Sinn der Beschneidung, auch in modernen Gesellschaften, wie der USA. Dort empfahlen die (männlichen) Ärzte die Beschneidung als ein Mittel, Lähmungen, Schlaflosigkeit, Verdauungsprobleme, Epilepsie, Wahnsinn, zu häufigen Geschlechtsverkehr, Fremdgehen, Masturbation und Homosexualität vorzubeugen. Keine dieser Zwecke wird durch Beschneidung erreicht. Ganz im Gegenteil. Die wesentlich weniger sensible Eichel fordert stärkere, mechanische Reizungen, um zur ersehnten Lustlösung zu gelangen. Das fördert die Masturbation und auch derbere Sexualpraktiken, statt das zu eliminieren.

Männer nehmen Genitalverstümmlung klaglos hin, sie sind sich nicht bewusst, was ihnen angetan wurde. Foto: @Prostock-studio via envato.elements

Die Männer nehen Genitalverstümmlung klaglos hin

Ja, sie sind sich nicht einmal bewusst, was ihnen angetan wurde. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass der Mann damit sehr wohl eines wichtigen Teils seiner Sexualität beraubt wird. Die landläufige Meinung, das bisschen Haut da vorne sei doch unwichtig und außerdem sei das viel hygienischer, ist ein Irrtum. Der Psychologe und Schriftsteller Dr. phil. Ronald Goldman hat ein Buch über die Beschneidung und ihre Auswirkung auf die Seele des Mannes geschrieben: „Beschneidung, das verborgene Trauma“.

Im Grunde geht es dabei auch hier um die Zähmung der männlichen Sexualität. Nicht ohne Grund blühte diese Praxis im puritanische Amerika des 19. Jahrhunderts so auf. Beschnittene Männer berichteten drei mal häufiger über häufig auftretende Orgasmusschwierigkeiten als unbeschnittene Männer.

Und auch hier: Die Wurzeln der symbolischen Männerkastration reichen viel tiefer. Es gibt sehr alte Wurzeln für die Figur des archaischen wilden, ungezähmten, sexuell aktiven, fruchtbaren Natur-Mannes, den wir alle aber durchaus kennen: den heidnischen „Wilden Mann“, den „Grünen Mann“ oder „the green man“ im englischsprachigen Raum. Heute heißen noch viele Gasthäuser „Zum wilden Mann“, in Großbritannien, vornehmlich Schottland, findet man ihn immer wieder in Kirchen dargestellt. Ganz besonders in der Templerkapelle „Rosslyn Chapel“ ist er fast überall zu sehen.

Sowohl die Genitalverstümmlung der Frau, als auch die symbolische „Kastration“ des Mannes, spielen eine entscheidente Rolle. Foto: @halfpoint via envato.elements

Der grüne Mann ist ein uraltes, mythisches Wesen, das bis in die Steinzeit zurückreicht. Er ist die Essenz des Mannes. Genau diese „wilden“ Eigenschaften müssen dem Manne in der hypermoralischen, puritanisch-disziplinierten Gesellschaft der Neuzeit „ausgetrieben“ werden. Wir sind heute schon sehr weit gediehen damit. Die Verstümmelung und geistige Kastration des Mannes ist sowohl physisch als auch psychisch auf breiter Front seit Jahrhunderten erfolgreich vorangetrieben worden.

Sowohl bei der entsetzlichen Frauenverstümmelung, als auch bei der symbolischen „Kastration“ des Mannes spielen ganz andere Gründe eine Rolle. Wie immer ist das Erkennen dieser verborgenen, unterbewussten Motive der erste Schritt. Der zweite wäre, bewusst und offen die Verschiedenheit von Mann und Frau, wie Gott und die Natur uns geschaffen hat, anzuerkennen. Damit wir verstehen, wie wunderbar diese sich gegenseitig ergänzende Dualität ist und lernen, liebevoll miteinander umzugehen. Und zu akzeptieren, dass die Zähmung, Unterdrückung und Kontrolle des Wesens der Frau und des Mannes beiden nicht gut tut. Sie bringt vielmehr Grausamkeit, Traumata, unbewusste Ängste voreinander und immer neue Kontrollmechanismen hervor.

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