Silvester ohne Feuerwerk

Silvester ohne Bleigießen wäre noch denkbar, aber Silvester ohne Feuerwerk? Das wäre ja wie Ostern ohne Hasen und Weihnachten ohne Christkind. Welche Alternativen gibt es zum Feuerwerk und wie wirkt sich ein Silvester ohne Knaller, Raketen und Böller aus? Wir fanden interessante Aspekte heraus!

Autor: Andreas Müller-Alwart

Umweltschutz: Kein Silvester – kein Feinstaub

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, wird nicht müde vorzurechnen, wie viele Menschen in Deutschland, ja sogar weltweit, in der Folge der hohen Feinstaubbelastung sterben. Knapp 2.000 Tonnen Feinstaub würden in Deutschland durch das Silvesterfeuerwerk in die Luft geblasen und das mache immerhin 1% der gesamten Feinstaubbelastung eines ganzen Jahres aus. Spitzenwerte von 900 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft würden erreicht werden – der Grenzwert liege bei 50 Mikrogramm. Den jüngsten Schätzungen der EUA zufolge starben 2019 307.000 Menschen vorzeitig, weil sie durch Feinstaub verursachten Verunreinigungen ausgesetzt waren. „Mindestens 58 % bzw. 178.000 dieser Todesfälle hätten vermieden werden können, wenn alle EU-Mitgliedstaaten die neue Luftqualitätsleitlinie der WHO von 5 µg/m³ erreicht hätten.“ (1). Die Böllerei trägt sicherlich zu diesem Thema bei und erscheint vielen als vermeidbare Feinstaubquelle. Warum also der Gesundheit zuliebe nicht wenigstens auf diesen Anteil verzichten?

Ein weiteres Thema an Silvester sind sicherlich die Unmengen an zusätzlichem Abfall, die jedes Jahr anfallen und anderntags die Straßenränder schmücken. Den Verband kommunaler Unternehmen beschäftigt das Thema: „Der VKU warnt in diesem Zusammenhang davor, dass einige Chemikalien der Feuerwerkskörper durch Regen- oder Schmelzwasser weggespült werden und dadurch Böden und Gewässer verschmutzen könnten.“ (5) Letztlich gelangen diese Substanzen wieder in die Nahrungskette und landen somit teilweise auch beim Menschen.

Foto: @thananit_s via envato.elements

Gesundheitsschutz: Bis einem Hören und Sehen vergeht

Das Hauptargument für das Silvesterverbot war dieses Jahr – wie beim Jahreswechsel 2020 – der Aspekt, auf jeden Fall weitere Belastungen für die Krankenhäuser zu vermeiden – vor allem Schwerstverletzte, die die Intensivstationen zusätzlich belasten könnten – will man nicht haben. Allein das Unfallkrankenhaus Berlin hat jedes Jahr mehrere Dutzend Verletzte zu behandeln – darunter Knochenbrüche, Brandwunden, Verletzungen an Augen, Ohren oder anderen Stellen im Gesicht. Es ist schwierig einen Überblick zu bekommen, wie viele Verletzte bundesweit wegen Silvesterknallern behandelt werden müssen. Dies liegt vor allem daran, dass auch eine große Anzahl von Menschen, die den Jahreswechsel begießen, wegen ihres hohen Alkoholkonsums – und der daraus resultierenden Folgen – eingeliefert werden.

Der Verband der Augenärzte erhebt seit dem Jahreswechsel 2016/2017 die Verletzungen und ist besorgt über die vielen Verletzungsbilder. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) wertet die Daten zu den Silvester-Behandlungen in Augenkliniken aus und nannte kürzlich 1.356 Meldungen für die letzten drei Silvesternächte über Patienten, die an Augen, Händen und Gesicht behandelt werden mussten. (2) Jede vierte Augenverletzung sei schwer. Auf einem Plakat zeigt die DOG die verschiedenen Schäden im Gesicht auf. (3) Vermutlich wären viele Verletzungen bei ordnungsgemäßem Gebrauch zu vermeiden. Es kommen aber immer wieder selbstgebaute oder im Ausland gekaufte Feuerwerkskörper ohne entsprechende Sicherheitsprüfsiegel zum Einsatz. Dies und der hohe Alkoholkonsum führen dann zu den fatalen Folgen, die Silvester zur gefährlichsten Nacht des Jahres macht.

Bleibt am Ende noch zu erwähnen: Ein Knallkörper, der direkt neben dem Ohr explodiert, kann das Trommelfell zerstören oder das Hörvermögen langfristig erheblich beeinträchtigen. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO KHC) schätzt, dass pro Jahr etwa 8.000 Menschen durch Silvesterböller ein „Knalltrauma“ erleiden. Folgen eines Knalltraumas können Hörschäden oder ein Tinnitus sein. Die Zahl ist allerdings nicht ganz aktuell, sie geht auf fast zehn Jahre alte Berechnungen zurück. (4)

Bei unsachgemäßer Anwendung war also dem Jahreswechsel schon immer die Gefahr zu eigen, dass einem Hören und Sehen vergehen könnte. Das wäre dann kein wirklich guter Start ins neue Jahr.

Foto: @lyulkamazur via envato.elements

Tierschutz: Des einen Freud‘ ist des anderen Leid

Schon tagsüber sind die Tiere unruhig – spüren, was ihnen bevorsteht. Ein Knall hier – ein lautes Pfeifen dort – und das geliebte Haustier traut sich nicht mehr hinterm Sofa vor oder bekommt im Stall und Käfig Panik. Der Tierfreund leidet dann regelrecht mit. Es gibt tatsächlich aus gutem Grunde auch die Empfehlung Tieren an Silvester einen Gehörschutz aufzusetzen. So erschreckten diese weniger und ihre Ohren sind geschützt. Die Tiere leiden auch unter der Luftverschmutzung und wir Menschen können nur erahnen, was dieser Brandgeruch in ihnen auslöst. Sie können sich dieser Belastung in der Silvesternacht nicht entziehen.

Arbeitsplätze: „Wir sind der Knaller!“

Für rund 100 bis 150 Millionen Euro werden – einer Schätzung des Umweltbundesamtes zur Folge – in Deutschland Feuerwerkskörper eingekauft. Jedes Jahr. Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPN) legt Wert auf die Feststellung, dass Feuerwerkskörper aus deutscher Produktion sicher sind und immer umweltfreundlicher produziert werden. Er wünscht sich eine „Versachlichung“ der Diskussion und bietet dazu ein Diskussionspapier auf seiner Website an. „Wir sind der Knaller“ ist das Motto der Branche, die verärgert ist über das komplette Verbot des Silvesterfeuerwerkes. Es seien zunehmend die illegal aus dem Ausland importierten und hier nicht zugelassenen Feuerwerkskörper, die zu schwerwiegenden Unfällen führen würden. Außerdem spiele der Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle bei der Anzahl der Verletzten in den Krankenhäusern. In den Nachbarländern seien Feuerwerkskörper der Stufe F3 legal im Verkauf. Bei einem Verbot sei damit zu rechnen, dass diese noch mehr Verbreitung in Deutschland finden.

Der Geschäftsführer des VPI, Klaus Gotzen, zeigt die Tragweite des Böllerverbotes für seine Branche auf: „Da hängt ein Rattenschwanz an dieser Blitzentscheidung, den sich die Verursacher in unseren Augen überhaupt nicht vor Augen geführt haben“, so Klaus Gotzen. „Aktuell befinden sich rund 200.000 Paletten Feuerwerk in den Lagern, bundesweit bedeutet das, Vernichtungskosten von ca. 100.000.000 Euro und darin sind Logistikkosten noch nicht eingeschlossen.“ Nicht nur die Feuerwerksfirmen, sondern auch Händler*innen und Logistiker*innen sind in Ihrer Lebensgrundlage unmittelbar von dieser Entscheidung betroffen. „Wir sprechen hier von aktuellen Bankverbindlichkeiten der Branche, die nach zwei Jahren ohne Umsätze 200.000.000 Euro bedeuten.“ (7) Für rund 100 Beschäftigte des Freiberger Feuerwerkherstellers WECO war die Nachricht am 2.12. ein Schock: Ihr Werk wird geschlossen. Über weitere 300 Beschäftigte haben ein Weihnachten mit Bangen erlebt: Der Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen besuchte WECO und sicherte Unterstützung zu – in trockenen Tüchern ist die Rettung des über 70 Jahre alten Traditionsunternehmens aber noch nicht.

Foto: @Natabuena via envato.elements

Alternativen zum traditionellen Feuerwerk

Auf der Suche nach Alternativen zum traditionellen Feuerwerk gibt es nur mäßig überzeugende Vorschläge. Am meisten überzeugt noch die Idee, ein Lichtermeer an Kerzen aufzustellen, Girlanden und an Lichterketten aufzuhängen, um so eine fest installierte Lightshow zu installieren. Die bewährten Wunderkerzen gibt es auch noch. Diskokugel und Plasmakugeln (11) sind im Trend. Dazu braucht es natürlich noch eine entsprechende Musikanlage mit Power, weil es irgendwie doch laut werden soll. Manch einer wartet mit der Idee auf, die Pfeif- und Knallgeräusche mithilfe von Musikinstrumenten zu erzeugen, was weder neu noch besonders originell ist. Wenig hilfreich ist auch der Vorschlag ein Großfeuerwerk zu organisieren – anstelle vieler kleiner – oder eine Parade von Drohnen – wie kürzlich in China gezeigt – aufsteigen zu lassen. Feuerspucker sind eine gute Idee und Bereicherung jeder Silvesterparty: Nur hat nicht jeder einen solchen in seinem Bekanntenkreis und Unerfahrene sollten besser die Finger bzw. den Mund davon lassen. Dann doch lieber den Grill anwerfen oder die Party mit einer Feuerschale einheizen. Wem wegen des Böllerverbotes der ganze Silvesterspaß vermiest ist, der kann noch rasch dahin reisen, wo er noch böllern darf, oder wird vollends zum Gutmenschen und verschenkt das eingesparte Geld für einen sinnvollen Zweck. Zum Jahresanfang etwas zu verschenken, wäre vielleicht auch ein Jahresauftakt mit Knalleffekt?

Kommentar: Ziel verfehlt?

Der Verband der pyrotechnischen Unternehmen bietet auf seiner Website auch Aufklärungsvideos für den richtigen Einsatz von Feuerwerk an. Sein Bemühen in dieser Hinsicht wird leider nicht belohnt: Der Staat möchte vor allem Ansammlungen zu Corona-Zeiten vermeiden und hält ein Verbot der Feuerwerkskörper für die einfachste Methode, um dieses durchzusetzen. Dass dennoch in Gruppen gesoffen und gefeiert werden wird und dass dies dann eben im Privaten und Verborgenen stattfinden wird, liegt auf der Hand. Ein paar Denunzianten werden diese Ansammlungen anschwärzen – der Rest wird böllerfrei, aber unbehelligt vom Ordnungsamt feiern. Vielleicht wäre es geistreicher und effizienter, ein Alkoholverbot auszusprechen oder über den richtigen, gemäßigten Umgang mit Alkohol aufzuklären? Böllerverbot als Gesundheitsvorsorge, als Umwelt- und/oder Tierschutz – das mag sinnvoll sein. Böllerverbot, um Menschenansammlungen wegen Corona zu vermeiden, erscheint weniger sinnvoll. Es gibt einige Experten, die sich eine Durchseuchung der Bevölkerung mit der COVID19-Omikron-Mutation als durchaus wertvoll vorstellen: Nur wenige Menschen erkranken durch Omikron lebensbedrohlich – eine Immunisierung wäre vermutlich rasch erreicht. Stattdessen wird davor gewarnt, es könnten kritische Systembestandteile (Polizei, Feuerwehr, Ärzte, Müllabfuhr usw.) zum Erliegen kommen. Woher kommt diese Befürchtung? Man kennt dies von Grippewellen und dort lokal begrenzt und für einen Zeitraum von wenigen Wochen. So bleibt die Frage, ob mit diesem Böllerverbot das eigentliche Ziel erreicht wird.

Quellenverzeichnis:
(1) Feinstaubbelastung
https://www.eea.europa.eu/de/highlights/sauberere-luft-haette-2019-in
und Umweltbundesamtstatistik:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/luft/luftschadstoffe/feinstaub/feinstaub-durch-silvesterfeuerwerk
(2) Pharmazeutische Zeitung
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/die-gefaehrlichste-nacht-des-jahres/
(3) Bild – Hinweisplakat der DOG:
https://www.dog.org/wp-content/uploads/2021/11/DOG_Feuerwerk-Poster_2021-270x400mm_fin.jpg
(4) Redaktionsnetzwerk Deutschland
https://www.rnd.de/wissen/boellerverbot-zu-silvester-wie-gefaehrlich-sind-raketen-und-knaller-wirklich-AJ5SKRCZXFB5LFEGZ7VYV2GMGI.html
(5) Chemikalien/Müll: VKU-Zitat
https://web.de/magazine/wissen/natur-umwelt/boeller-silvester-feinstaub-muell-laerm-umweltbelastungen-33487650
(6) Diskussionspapier / Broschüre des VPI
https://www.feuerwerk-vpi.de/presse/artikel?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=214&cHash=d7fca830ece4e2877cfc7cb7a844ba71
(7) Pressemitteilung des VPI vom 02.12.2021
https://www.feuerwerk-vpi.de/presse/artikel?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=213&cHash=3134991bbee863cd59e0fe88f7f17ffa

(8) Aufklärungsvideos der VPI zum Bedienen sicheren Feuerwerks
https://www.feuerwerk-vpi.de/lass-es-krachen
(9) Pressemitteilung Weco vom 20.12.
https://presse.weco.de/2021/12/21/krisentreffen-nrw-wirtschaftsminister-pinkwart-zu-gast-bei-weco-in-eitorf/
(10) Pressemitteilung Weco vom 02.12.
https://presse.weco.de/2021/12/02/350-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter-in-schockstarre-ein-zweites-jahr-in-folge-feuerwerksverbot-ohne-grundlage/


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